
Barrierefrei bauen bedeutet weit mehr als den Abbau baulicher Hindernisse. Gerade für Menschen mit Sehbeeinträchtigung und blinde Menschen spielen Orientierung, Sicherheit, Licht, Akustik und klare Strukturen eine wichtige Rolle. Das neue Schulhaus auf dem Campus Kräherwald zeigt, wie diese Anforderungen in einem modernen Bildungsbau umgesetzt werden können.
Planung und Logistik beim barrierefreien Bauen
Die Realisierung erforderte komplexe infrastrukturelle Vorarbeiten. Die Logistik war anspruchsvoll: 1.500 LKW-Ladungen Aushub wurden abtransportiert, während der laufende Betrieb mit seinen vielfältigen Anforderungen stets aufrechterhalten werden musste. Aufgrund des hohen Grundwasserspiegels wurde die Tiefgarage als wasserundurchlässige „Weiße Wanne“ konstruiert.
Naturschutz und Barrierefreiheit im Schulbau
Baurechtliche Auflagen beeinflussten das Projekt. Zum Schutz von Eidechsen entstanden spezielle Eiablageplätze und Habitatflächen im südlichen Garten. Um Vogelschlag an den Glasfassaden zu vermeiden, kommen Scheiben mit einer integrierten Folienschicht (Ornilux) zum Einsatz, die für Vögel als Hindernis erkennbar ist. Gleichzeitig verhindert die Folienschicht einen Schattenwurf in den Klassenzimmern, wie er bei einer sonst üblichen Vogelschutzbeklebung auftritt. Denn diese Schatten würden bei Kindern mit Sehbehinderung zu Ablenkung und Irritationen führen.
Architektur und Statik für mehr Barrierefreiheit
Brückenbauwerk: Parallel zur Straße ermöglicht eine Brücke die wettergeschützte Vorfahrt am Eingang. Sie wurde mit einer statischen Überhöhung eingebaut, die sich nach der Lastaufnahme exakt plan einpendelte.
Pausenhalle: Diese wurde stützenfrei konstruiert, was eine besondere Herausforderung für die gesamte Gebäudestatik darstellte. Doch nur so ist die sichere Bewegung im Raum für Schülerinnen und Schüler mit Sehbeeinträchtigung möglich.
Systematik: Die 38 Klassenzimmer folgen einem einfachen, leicht merkbaren Grundriss-Prinzip zur intuitiven Orientierung auf der 6.000 m² großen Nutzfläche.
Licht, Akustik und Technik für Menschen mit Sehbeeinträchtigung
Lichtsimulationen stellten sicher, dass die Räume ohne irritierende Schattenbildung optimal ausgeleuchtet sind. Akustisch optimierte Oberflächen verbessern die Hörbedingungen nachhaltig. Die Haustechnik nutzt eine reversible Gas-Adsorptions-Wärmepumpe, Photovoltaik sowie dezentrale Lüftungsgeräte. Besonders wichtig: Die Aufzüge verfügen über eine Batteriepufferung, die im Brandfall den Betrieb für 30 Minuten zur Evakuierung sichert.
Barrierefreie Außenanlagen und Mobilität
Die über 2.000 m² großen neuen Außenanlagen sind mit dem Rollstuhl zugänglich und bieten Lern-, Bewegungs- und Spielräume im Grünen. Ein Parksystem mit Kreisverkehr in der Tiefgarage organisiert den Hol- und Bringverkehr effizient; auch an der Straße wurde hierfür eine eigene Zufahrt geschaffen. Ein Leitsystem sowie eine präzise Außenbeleuchtung unterstützen die Navigation auf dem Gelände.


Sicherheit und Barrierefreiheit für blinde und sehbehinderte Menschen
Ein zentraler Fokus lag auf dem Verletzungsschutz: In der Sporthalle und im Motorikraum federn kraftabsorbierende Wände Stöße ab. Das Gebäude ist konsequent frei von Stoßkanten oder herausragenden Teilen. Handläufe, Schrammboards und taktile Elemente leiten sicher durch das Haus. In die Klassenzimmermöbel integrierte Ständer für die Langstöcke der blinden Schülerinnen und Schüler ergänzen das funktionale Konzept.
Fazit: Barrierefreiheit schafft Teilhabe
Das neue Schulhaus der Nikolauspflege verbindet Barrierefreiheit, Funktionalität und moderne Architektur. Von der Planung über die technische Ausstattung bis hin zu Orientierung, Sicherheit und Mobilität wurde das Gebäude konsequent auf die Bedürfnisse blinder, sehbehinderter, taubblinder sowie mehrfachbehinderter Schülerinnen und Schüler ausgerichtet. So entsteht ein Lernort, der Bildung ermöglicht, Teilhabe stärkt und Barrieren abbaut.

